Reykjavik

Publisher: 
Place: 
Berlin
Year: 
2011


Pétur Gunnarsson's personal take on Reykjavík as a literary city. Translated to German by Betty Wahl.



Publisher: Insel Verlag.



About the book:



Reykjavík ist die nördlichste Hauptstadt Europas und eine afustrebende junge Metropole. Der berühmte Autor Pétur Gunnarsson lädt ein, seine faszinierende Heimatstadt mit ihrer lebendigen Literatur- und Kulturszene zu entdecken.



From the book:



Die Sommer verbrachten wir gerne in unserem Ferienhaus, das in einer gestrüppbewachsenen Gegend am Ufer des Sees lag, zu Füßen jenes gewaltigen Bergmassivs, das sich alle Mühe gab, uns gegen den Westwind abzuschirmen, und zudem den großen Landnehmer im Namen trug: der Ingólfsfjall. Hier also war es gewesen, hier, im Schatten dieses Berges hatte er sein Lager aufgeschlagenm, während seine Sklaven sich auf die Suche nach den Hochsitzpfeilern machten. »Völlig sinnlos zogen wir durch gute Gegenden ...« Nun konnten wir und ein eigenes Urteil bilden. Ja, gewiss machte es Spaß, im Wald herumzutollen oder auf den See hinauszurudern, doch nichts war so verheißungsvoll wie die Stadt im Herbst, wenn man von Landaufenthalt nach Hause kam und der regennasse Asphalt einen Vorgeschmack von all dem bot, was einen dort erwartete.



Früher oder später fing es an zu schneien. Was nicht allein die äußere Sicht auf die Dinge veränderte, nein, vielmehr brachte der Schnee auch ganz neue Möglichkeiten, und zwar mit Hilfe von Sperrschildern, die von Straßenarbeitern auf einem Lastwagen angeliefert wurden und unsere Straße als »Schlittenstraße« auswiesen. Und sobald alles abgesperrt war, wurde sie zur Straße der Kinder, und jeglicher Autoverkehr musste weichen. Wer Skier besaß, sauste die Abhänge am Arnarhóll hinunter, und die Schlittschuhläufer versammelten sich auf dem Stadtsee, den der Frost in eine spiegelglatte Eisfläche verwandelt hatte. Und man konnte Gift darauf nehmen, dass die Geschwindigkeit und die Aufhebund der Schwerkraft auch die Gefühle auf Hochtouren brachte und Amor bereits seinen Bogen spannte.



Doch obgleich Reykjavík alles Erdenkliche zu bieten hatte – in einem Punkt konnte es sich mit keiner anderen Großstadt messen: Masse. Große Menschenmengen kommen in einer 80 000-Einwohner-Stadt nur schwerlich zusammen, es sei denn zu besonderen Anlässen wie etwa bein Einlass zur Drei-Uhr-Kinovorstellung oder auf dem Fußballfeld. Und eben diese Orte waren es, von denen die größte Anziehungskraft ausging, die einen auf geheimnisvolle Art elektrisierten und alles das freisetzten, was tief im Inneren schlummerte. Kaum war das Spiel zu Ende, sausten wir auf das Spielfeld, allen Warnungen und Verbotsdurchsagen aus den Lautsprechern zum Troz. Was für ein Prickeln, dieses unsterbliche Stück Rasen unter den Schuhsohlen zu spüren und die göttergleichen Körper der Spieler zu streifen, die schweißüberströmt auf dem Weg in den Duschraum waren.



Heute steht auf diesem Gelände die Nationalbibliothek.



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