Eine Frau bei 1000°: Aus den Memoiren der Herbjörg María Björnsson

Publisher: 
Place: 
Stuttgart
Year: 
2011

The Novel Konan við 1000°  in German translation by Karl-Ludwig Wetzig.

From the book:

Wir schwiegen den Heimweg über. Ich sah mich um: die Leute, die Straße, die Häuser. Man konnte es richtiggehend fühlen. Dänemark war ein totes Land. Wir gingen den Andersen-Boulevard entlang, und es war deutlich zu sehen, dass sich nicht einmal die Laternenpfähle wohlfühlten. Die Autos rollten totenstill durch die Straßen. Viele Fenster waren mit schwarzen Vorhängen verdunkelt, und über öffentlichen Gebäuden flatterte das Hakenkrauz wie ein Tod verheißender Unglücksvogel. Auf einmal empfand ich das ganze Unbehagen der Okkupation und wurde von einem ängstlichen Schaudern erfüllt. Mit einer Art Altersklugheit begriff ich, ein zehnjähriges Mädchen, dass meine Mutter vollkommen recht hatte: Man kann ein Land nicht besetzen.

Im Treppenhaus verabschiedete ich mich von Ása und lief dann die Treppe hinauf in unsere Wohnung, die mir so groß erschien wie ein ganzer Landstrich, der letzte freie Ort in Dänemark, eine isländische Insel im Meer des Krieges, dünn besiedelt und isoliert.

Wir waren sogar noch isolierter als die Leute daheim am Breiðafjörður, dann von uns aus gab es keine telefonische Verbindung mit Reykjavík mehr. Das letzte Telefonat hatte zwischen Großvater und Großmutter stattefunden.

»Sie wollen mich zu einer Art Regent machen. Es ist ein neugeschaffenes, vorläufiges Amt für die Dauer der Okkupation.«

Dann reichte Großmutter den Hörer an Papa weiter, und der zukünftige Regent Islands sprach mit dem zukünfigten Soldaten Hitlers. Ich sehe ihn noch in dem langen Flur stehen, einen Fuß auf dem türkischen Läufer und mit einem Gesicht wie ein verstockter Zwölfjähriger.

Großvater: »Man sagt, mein Junge, in der Brust eines Vaters, der seinen Sohn zum Schlachtfeld marschieren sicht, regten sich zwei Empfindungen.« Seine Stimme zitterte leicht. »Einerseits Stolz und anderseits ... Angst.«

Papa: »Und?«

Großvater: »Es betrübt mich, mein Sohn ... es betrübt mich, dass ich in meiner Brust nur die zweite Empfindung fühle.«

Was meinen Vater schließlich davor bewahrete, auf dem Schlachtfeld zu fallen, war die Tatsache, dass er schon vorher starb.

(99-100)