Die Geschichte der Bíbí Ólafsdóttir – Biographie – Ein Frauenleben auf Island

Publisher: 
Place: 
Schwülper
Year: 
2011


The biography Sagan um Bíbí Ólafsdóttur (2007), translated to German by Christina Böhner. 



About the book:



BIBI ist die atemlos erzählte Geschichte einer Isländerin, die zu Beginn der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geboren wurde und die nicht nur mit dem „zweiten Gesicht“ begabt war, einer Hellsichtigkeit, die sie zunächst zu verstecken suchte, zu der sie sich schließlich aber rückhaltlos bekannte, sondern sie war auch mit einem extrem starken Überlebenswillen ausgestattet; was sonst hätte sie befähigt, unglaubliche Schrecken, große Härte, viel Elend, beklemmende Visionen, Zumutungen ohne Ende bis hin zum Aufenthalt in der Pszchiatrie durchzustehen? Sie, die so vielen durch ihre Fähigkeit, Energie und Licht zu senden, geholfen hat, musste sich, weil sie „aus Erfahrung nie gelernt“ hatte, in einer Art existenzieller Gratwanderung ständig neu orientieren, um sich selbst und die große Zahl ihrer Kinder am Leben zu erhalten. So blickt sie schließlich auf ein aus ihrer Sicht geglücktes Leben zurück.



In Island ist „BIBI“ ein Bestseller und wurde fürs isländische Fernsehen verfilmt.



From the book:



Es ist Frühling geworden, und alles erwacht zum Leben auf dem Hügel Kirkjuholtið und in Mutters Garten in Austurgerði, und als ich über die Schwelle steige, da kommt sie mir entgegen und sagt ziemlich herzlich:



- Wie ungeheuerlich dick du schon bist, Mädchen.



- Ja, ich bin im achteinhalbten Monat.



- Aber es kann nun eher kommen, sagt sie und starrt ständig auf mich. Sie lässt mich in der Tat nicht aus den Augen, verfolgt mich ständig durch die Wohnung, bittet mich, die Jacke zu heben, so dass sie den Bauch anschauen könnte, ihn streicheln und untersuchen. Sie kennt sich aus mit Schwangeren, ich brauche nicht daran zu zweifeln, was ich auch gar nicht tue. Ich erlaube ihr daher, mich zu betrachten, mich zu streicheln und mich ganz zu untersuchen, und bemerke nicht, wie sorgenvoll sie wird, das sagt sie mir später, aber ich finde ihre ewigen Fragen seltsam:



- Wie fühlst du dich?



- Spürst du etwas Ungewöhnliches?



- Wie geht´s dir?



- Doch, mir geht es einfach recht gut, Mutter, antoworte ich, die ich es nicht gewohnt bin, dass sie mir so viel Fürsorge zeigt. Ich denke auch nicht mehr viel über die Schwangerschaft nach; ich finde in al meiner Naivität ehrlich gesagt, dass unten aus mir eher ein Frosch fallen wird als ein Kind, und wenn kein Frosch, dann ein kleiner Seehund oder ein Lamm oder Fohlen, nur keinesfalls ein Kind, ein Kind kann ich mir nicht vorstellen. Ich kann nicht ein Kind mit zwei Händen und zwei Füßen und ständigem Heulen in der Nacht und Brustsaugen und Kackpopo vor mir sehen. Ich verstehe ganz einfach nicht die Lage und will sie nicht verstehen, bevor ich es tun muss.



Und trotz allem bin ich glücklich und zufrieden, und ich habe einen Freund, der gut zu mir ist und bald kommt und mir Schuhe bringt und mich küsst und mit mir über die Zukunft im Leben plaudert, die wir zusammen haben wollen.



Ich rufe Sölvi an, der sagt, dass er jetzt eine andere Freundin habe und dass unsere Beziehung zu Ende sei. Ach, ich kann nun nicht sagen, dass die Welt zerfallen wäre. Ich kann nicht sagen, dass ich ihn vermisse und dass in meinem Herzen Liebeskummer wie ein Kochlöffel auf einem Topf hämmert, mir ist es egal. Sölvi ist kein dummer Mann und hat den Verstand, sich zur rechten Zeit in Sicherheit zu bringen, ich hege nie irgendeinen Groll gegen ihn. Er war zu mir gut, als ich das brauchte, und ich nahm auf meiner ständigen Flucht vor der Realität alle seine Geschenke an, ich hatte alles angenommen auf meiner hastigen Flucht vor meiner eigenen Verantwortung.



Aber natürlich veründert sich mein Leben trotzdem dadurch, neue Sorgen kommen, wenn andere verschwinden, ich bin ein großer Meister im Sorgenmachen.



Wo soll ich eigentlich sein? Wo soll ich eigentlich wohnen?



- So, Schätzchen, du brauchst nirgends hinzugehen, ein kleines Kind ist in Ordnung, mach dir keine Sorgen deswegen, wir sind sowieso nur drei, seit Stella und Ásta einen Haushalt gegründet haben, es ist genug Platz für euch in deinem Zimmer, deine Mutter und ich und Fiddi werden zufrieden damit, nicht wahr, meine þóra, sagt Vater, aber Mutter sagt kein Wort, sie ist mit allen Gedanken im Fernsehen bei einem amerikanischen Musikfilm mit Doris Day.



Ich sehe trotzdem nicht besser, als dass ihr Licht plötzlich aufflackert, aber es kann auch deshalb sein, weil sie sich so in den Film hineinlebt; Mutter ist eine begeisterte Bewunderin von Tanzfilmen. Ich denke zumindest nich weiter über ihr Licht nach, weil ich große Erleichterung spüre. Ich bin in der Tat überglücklich, wackele im Sicherheitsrausch durch die Wohnung, wackele dort vor und zurück, ein kleiner fetter Entenbauch, der einen Frosch erwartet, ein Lamm oder Fohlen und weiter bei seinem Vater und seiner Mutter in Austurgerði 3 wohnen darf.



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