Bertels Sohn: Ein Leben in Island (Myself and I)

Publisher: 
Place: 
Berlin
Year: 
2011


The book Einhvers konar ég (2003)



Translated by Maike Hanneck. Publisher: Rogner & Bernard.



About the book:



Bertels Sohn erzählt die Geschichte eines Jungen, der in großer Armut in den frühen Jahren der isländischen Republik aufwächst. Der Mutter früh beraubt, muss er sich auf dem steinigen Weg hin zu einem normalen Leben selbst behaupten. Sein Vater, Rentierzüchter, Gelegenheitsarbeiter und passionierter Trinker, steht ihm dabei zur Seite, so gut er kann. Es ist die Geschichte von Thráinn Bertelsson selbst, der mit diesem Buch seine Autobiografie vorlegt, die mal kindlich, mal poetisch von der Menschwerdung unter extremen Bedingungen erzählt. Ein kraftvolles, unwiderstehlich komisches Zeugnis eines beispiellosen Lebens in einem unwirklichen Land.



From the book:



Reisetasche.



Eines Morgens, als ich aufwache, merke ich sofort, dass irgendetwas nicht stimmt.



Die Tür zur Küche ist geschlossen, und ich höre laute Stimmen dahinter. Es sind Þura und Papa. Ich habe die beiden noch nie streiten hören. Das kann kein gutes Omen sein.



Ich springe barfuß aus dem Bett und laufe in die Küche. Sie verstummen, als ich hereinkomme. Irgendetwas ist los. Þura hat ihren feinen Mantel an und sich ein Tuch um die Haare gebunden. Sie schnäuzt sich in ein Taschentuch. Ich bin ziemlich sicher, dass sie geweint hat. Eine Reisetasche steht auf dem Küchenboden.



»Wohin gehst du?«



»Ich gehe in die Stadt.«



»Ich will mitkommen.«



»Nein, ganz ruhig. Du bist nicht einmal angezogen. Du kommst ein andermal mit.«



Ick blicke auf die Reisetasche.



»Willst du in der Stadt übernachten, oder kommst du heute Abend wieder?«



»Das ist noch ganz unsicher, wann ich wiederkomme«, sagt sie.



»Warum weinst du?«, frage ich.



»Ich weine nicht, mein Süßer«, sagt sie. »Ich bin nur ein bisschen erkältet.«



»Þura muss zum Arzt«, sagt Papa. »Und vielleicht weist der Arzt sie ins Krankenhaus ein.«



Er zieht seine kleine Taschenuhr hervor und sagt dann zu Þura: »Ja, äh, ich glaube, wir müssen dann mal los.«



Dann streicht er mir über die Wange und sagt:



»Und du, mein Schatz, legst dich wieder aufs Ohr und schläfst noch ein bisschen. Du bist noch nicht ausgeschlafen. Ich beeile mich, so sehr ich kann, und vielleicht bin ich wieder da, bevor es dunkel wird. Aber wie ich dir gesagt habe, du zündest nur diese eine Kerze her in der Küche an. Und niemals mit den Streichhölzern spielen.«



Aber ich will eine Erklärung dafür haben, warum Þura zum Arzst muss.



Also, das sei wegen der Füße. An den Gelenken, wo die großen Zehen beginnen, hat Þura große Verknöcherungen. Sie sind feuerrot, und Þura reibt sich die Füße oft mit Spiritus ein. Diese Knubbel sollen untersucht werden, und vielleicht würde der Arzt beschließen, dass sie entfernt werden müssen, und dazu muss sie sich in Krankenhaus begeben.



»Kann Papa die Knubbel nicht absägen?«, frage ich.



»Oder sie glatt hobeln«, sagt Papa und lächelt.



»Ich glaube nicht, lieber Þráinn«, sagt Þura.



Dann nimmt sie mich in den Arm und drückt mich an sich, und jetzt habe ich keinerlei Zweifel mehr, dass sie weint.



»Warum weinst du?«, frage ich wieder. Ich habe Þura noch nei weinen sehen.



»Du bist zu klein, um das jetzt tu verstehen, mein lieber kleiner Junge«, sagt sie. »Du verstehst es vielleicht später.«



Ich halte Þuram, so fest ich kann. Sie ist die Einzige, die mir annähernd wie eine Mutter war, und ich will sie nicht von mir gehen sehen in die weiße und kalte Leere.



Aber natürlich bin ich nicht stark genug, um sie bei mir zu halten.



Durch Pusten gelingt es mir, einen handgroßen Fleck der Fensterscheibe zu enteisen und den Pfad, der vom Haus wegführt, zu sehen.



Zwei Fährten, eine von Þura und eine von Papa, daneben die Spur des Schlittens.



Es ist windig und es schneit, und bevor ich mich versehe, bedeckt der Schnee die letzten Anzeichen dafür, dass hier Menschen waren.



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